Sprachausfall

Falls ich jemals in Erwägung ziehen würde, eine Autobiographie zu schreiben, wäre dies einer jener Titel, der in meiner Top-10-Rankinglist ganz weit oben stünde. Auch wenn bislang weder Google noch Duden dieses Wort verzeichnet haben, wird es – denke ich – allerhöchste Zeit dieses Synonym in unserem Sprachgebrauch miteinzubauen und unseren Wortschatz grundlegend zu erweitern. Denn schließlich beschreibt dieser Ausdruck unzählige Situationen in unserem Leben, für die wir bis dato kein passendes Synonym hatten.

Situationen, wie zum Beispiel… Öhm… Ja, zumindest Personen, die des Öfteren zu tief ins Glas schauen, werden sich mit diesem Begriff sehr gut identifizieren können. Und ich. In meinem Fall liegt es zwar nicht am Alkohol – obwohl ganz so sicher bin ich da manchmal selbst nicht – sondern eher an meiner Behinderung, die unter anderem auch meine Aussprache massiv beeinträchtigt. Für fremde Menschen klingt es wohl oft so als würde ich eine komplett andere Sprache sprechen, aber Leute, die mich länger kennen, hören sich nach einer Zeit in meine spezielle Artikulation durchaus hinein und lernen mich nach und nach zu verstehen. Wobei auch hier zu erwähnen ist, dass – wenn ich wieder einmal den Versuch wage und mich mit dem Handy aufnehme – ich mich selbst nicht verstehe. Also vielleicht wäre ein erhöhter Alkoholkonsum für meinen Zungenschlag ja gar nicht so schlecht, wer weiß… 😉

Wie vermutlich zu erwarten war, sorgt mein Sprachausfall immer wieder für sehr besondere Momente. Momente, die unglaublich mühsam, nervenzehrend und anstrengend sind. Aber auch für Momente, die etwaige Situationskomik mit sich bringen und an Ironie kaum zu überbieten sind.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die „Ich werde nach dem Weg gefragt“-Anekdote: ich sitze nichts ahnend am Straßenrand und warte auf einen Freund als auf einmal ein bereits sichtlich genervter älterer Mann auf mich zukommt, der sich immer wieder fragend umsah. Da sonst niemand in der Nähe war, blieb dem verzweifelten Kerl nichts anderes übrig als mich zu Rate zu ziehen: „Entschuldigen Sie, wissen Sie wie ich zu XY komme?“ Ich setzte also mit meiner recht individuellen Ausdrucksweise an: „Ja, warten Sie“, und wollte den Rest auf meinen Sprachcomputer ausformulieren. Kaum begann ich zu tippen, führte er seinen Weg – noch verwirrter als zuvor – mit den Worten: „Ach, vergessen Sie’s“ fort. Und ich hörte nur mehr wie meine Gedanken stellvertretend für mich hinterher schrien: „HEY! WARTEN SIE!! DAS IST… Das ist doch die falsche Richtung…“
Er hatte zwar leider nichts mehr davon, aber ich fand meinen Gedankengang in dem Moment trotzdem äußerst amüsant.

Abgesehen von Situationskomik ist mein Sprachausfall des Weiteren ein sehr guter Lehrer in Bezug auf Formulierungen und so brachte er mir relativ schnell bei, Dinge auf dem Punkt zu bringen. Gut, es wäre auch recht kontraproduktiv, wenn ich neben des Sprachausfalls auch noch Rededurchfall hätte – das geht sich irgendwie nicht ganz aus.

Aber mein Sprachausfall ist auch einer der Gründe, warum ich mit dem Bloggen angefangen habe. Endlich Sätze ohne Zeitdruck fein säuberlich auszuformulieren. Gedanken Raum und Fläche zu bieten. Ungesagtes rauszulassen und über Gesagtes nachzudenken. Dinge zu hinterfragen und Hinterfragtes loszulassen. Und weil’s einfach Spaß macht.


P.S.: An dieser Stelle noch ein Dankeschön an den lieben Sternenflüsterer, der mich auf diesen großartigen Titel gebracht hat! 😊

8 Kommentare zu „Sprachausfall

Gib deinen ab

  1. Ah ja, nun konnte ich lesen, was Du aus der Inspiration meines „Sprachausfalls“ entwickelt hast. – Und nach der Lektüre bin ich abermals sehr beeindruckt und berührt, wie Du mit Deinen Handicaps umgehst, wie Du es verstehst, ihnen sogar Positives abzugewinnen, wie lebensfroh Du trotz allem bist. – Du strahlst damit und adurch so eine sympathische, einladende Stärke aus! – Die Päckchen, die ich zu tragen habe, sind viel kleiner als die Deinen, aber ich schaffe es nicht anmnähernd, so damit umzugehen, wie Du. Du bist ein großes Vorbild, weißt Du das?

    Ich denke zwar, dass Du auch Deine trüben Momente, Deine Zeiten der Verzweiflung hast, aber dass Du dessen ungeachtet grundsätzlich so in die Welt schaust und andere Menschern so ansprichst und mitnimmst, wie Du das tust, das ist deshalb desto großartiger.

    Ich schätze Dich sehr! Und ich sehe es als eine überaus liebenswerte Fußnote meines aktuellen Daseins, dass gerade Du es bist, die MIR so manchen „Sprachausfall“ beschert … 🙂

    Schönste Grüße an Dich, liebe Kopfstimme! 💚🌹🤗

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    1. Nun, ich muss gestehen, ich bin trotz Sprachausfalls selten sprachlos – aber deine Worte machen mich gerade vollkommen wortkarg und zwar auf die positivste Art und Weise. Ich sitze gerade da wie eine Grinsekatze und freue mich, dass ich zumindest schriftlich das rüberbringen kann, wozu mir sonst oft die Zeit, die Worte und auch die Geduld meiner Mitmenschen (aber vor allem von mir selbst) fehlen – und dass es beim Gegenüber dann auch noch so ankommt wie ich mir es wünsche. Das ist ein riesengroßes Kompliment für mich! 💛

      Als Vorbild sehe ich mich selbst nicht, da ich ja nichts großartiges leiste. Ich gehe – oder in meinem Fall fahre 😉 – genauso meinen Weg wie jede/r andere auch und lebe einfach mein Leben. Glaub ich habe das Glück, dass in meinem „Päckchen“ jede Menge Humor als Puffer mitgeliefert wurde und das macht vieles sehr viel einfacher.

      Nochmals vielen lieben Dank für deine berührenden Worte und deiner Textinspiration!! 🤗 Momentan fehlen mir eh oft die Worte für neue Texte…

      Hab noch einen schönen SONNtag!! 🌻

      Gefällt 1 Person

  2. Das ist ein tolles Wort. Habe zwar keinen, aber das was so manchmal aus meinem Mund purzelt ist oft so Schnellschuss-mäßig und unvollkommen, dass ich damals auch das Bloggen angefangen habe, weil das Schreiben sehr viel überlegter ist und mann e mehrmals überarbeiten kann. Bloggen ist toll und das was Du so schreibst erst recht!

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für die Blumen! 🙂

      Ja, das kann ich voll verstehen – selbst wenn mir mal was rausrutscht, habe ich das „Glück“, dass es in den seltesten Fällen verstanden wird. Manchmal kann das schon durchaus praktisch sein. 😅

      Liebe Grüße 🌺

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  3. Oh ja! Ich bin auch so ein Sprachausfallsmensch! (Auch ohne Alkohol und so weit ich weiß keiner Behinderung – hmmmm 🤔) Ich kommuniziere manchmal auch nur mit Gesten, wenn mir einfach die Wörter nicht einfallen wollen oder nur nur Nicht-Wörter einfallen, denen man zwar eine Bedeutung zuweisen kann, allerdings meist auch nur aus dem Kontext heraus 😂

    Die kleine Wissenschaftlerin in meinem Kopf hat sich übrigens auf den Fakt gestürzt, dass du dich selber in Audioaufnahmen nicht verstehst. Weißt du, woran das liegt?

    Liebe Grüße 🤗

    Gefällt 2 Personen

    1. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich dich sehr, sehr sympathisch finde?! 😊 Denke wir würden uns großartig verstehen und einfach nur wild rumgestikulieren, während andere daneben sitzen und uns schief anschauen würden. 😉

      @Wissenschaftlerin in deinem Kopf: ich glaube es liegt einfach daran, dass ich mich selbst als „normal sprechend“ wahrnehme, wenn ich rede. Also ich höre selbst nicht was ich für einen Scheiß zusammenfasel. Bis in Kindergarten dachte ich mir z.B. auch noch, warum die anderen Kinder so asozial sind und mir kaum antworten. 🤷‍♀️ Joah, ich war nicht unbedingt die schnellste damals… 😅 Bis ich mich dann mal auf einem Video gesehen habe und von meinem Gerede und auch von meinen unkrontrolliert wirkenden Bewegungen schockiert war. Und ja, müsste mich quasi selbst erst verstehen lernen. Wie das klingt… 😂
      Ein sehr guter Freund von mir ahmt mich bspw. immer nach (er kann das echt gut), wenn er ein gesprochenes Wort von mir nicht versteht und so weiß ich dann was ich anders betonen/aussprechen muss.

      Fühl dich gedrückt 🤗

      Gefällt 1 Person

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