Das moderne Rapunzel

Ich lehne mich jetzt einmal weit aus dem Fenster (Achtung: erster schlechter Wortwitz!) und stelle die Behauptung auf, dass wohl jeder schon etwas von dem Märchen der Gebrüder Grimm gehört oder gelesen habe. „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ – ist einer der bekanntesten Sätze aus ihrer Märchensammlung. Nun, normalerweise habe ich es nicht so mit Nacherzählungen, aber ich finde es ist an der Zeit, der Geschichte eine neue, modernere Handlung zu verleihen …

Es war einmal eine – ausgesprochen reizende, wenn auch etwas kecke – junge Frau, namens Cynique. Na gut, um es gleich vorwegzunehmen: in Wahrheit geht es um mich, und ich heiße nicht Cynique, obwohl die Bedeutung dieses Wortes gut zu mir passen würde…

Anders als das konventionelle Rapunzel lebe ich mit meinen Eltern in einem eigens erbauten Einfamilienhaus – ob da bereits die Geschichte anfängt und man die ersten Assoziationen erkennen kann, lasse ich mal dahingestellt – etwas außerhalb der Stadt, in einem kleinen, überschaubaren Dörflein. Ein angrenzender Wald umragt eine Hälfte unseres bescheidenen Grundstücks, während das kleine, durchfließende Bächlein, ungebetene Vierbeiner und etwaige andere Waldbewohner von uns fernhält. Es ist ein wahrlich schöner Ort, in den man sich recht schnell verlieben kann.

An manchen Tagen kann ich diese Idylle allerdings nur von meinem französischen Balkon aus betrachten. Es sind jene Tage, an denen mir Fortgehen und Unternehmungen jeglicher Art verwehrt bleiben. Tage, wie sie Rapunzel jahrelang erlebt hat. Die Hoffnung, dass ein Prinz auf einem weißen Ross dahergeritten komme, habe ich jedoch nicht – zumal mir ein Typ, der in einem Bulli vorgefahren kommt, sowieso weitaus lieber wäre, aber nun ja, das Leben ist halt kein Wunschkonzert, wie mein Opa immer zu sagen pflegte. Auch an meiner Haarpracht hinaufzuklettern, könnte sich das geschniegelte Bürschchen abschminken. Meine Frisur erweist sich als aktuell eher Rapunzeluntypisch: kurz und zerzaust!

So wie Rapunzel bleibt mir an solchen Tagen dennoch nichts anderes übrig, als verschmitzt in die Ferne zu starren und vor mich hin zu träumen. Und wie es sich für ein echtes Märchen gehört, denke ich dabei vorwiegend an meinen Bulli-Helden …

(Nicht zu verwechseln mit Bully Herbig, der würde erst wieder auf einen Gaul angeritten kommen, und wenn dieser dann auch noch Jaqueline heißt – haben wir den Salat!)

… Wie schön es wäre, wenn er denn nun endlich herbeigeeilt käme und mich retten würde. Mein ach so kühner Held, der einfach eine Leiter auf seinem VW-Bus transportieren und mich elegant aus meinem Turm befreien könnte. – Sorry Rapunzel, aber du musst schon zugeben, dass mein Prinz die deutlich klügere und pfiffigere Partie zu sein scheint. Just saying…

Während ich also gedanklich so vor mich hin schmelze und aus dem Balkon schmachte, bemerke ich oft gar nicht, dass mein „Lebensretter“ schon längst hier gewesen ist und unseren hausinternen Aufzug wieder instand gesetzt und mich somit aus meinem Turm, der in Wahrheit auch nur ein Zimmer ist, „befreit“ hat. Und anders als in gewöhnlichen Märchen, kommt mein Held nicht einmal in einem Bulli vorbeigeflitzt. Alles nur eine Farce!

Und die Moral von der Geschicht‘?
Technik gibt es, nur eine Garantie dafür? – Die gibt es nicht …

11 Kommentare zu „Das moderne Rapunzel

Gib deinen ab

  1. 😂
    Entschuldige, ich kann mir diesen Flachwitz nicht verkneifen: „Rollstuhlfahrer im Fahrstuhl oder Fahrstuhlfahrer im Rollstuhl?“

    Hmm, und du hast mich gerade zum Nachdenken gebracht, welche Prinzessin ich wohl wäre 🤔

    Ganz liebe Grüße!

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  2. Sehr humorvoll! Im ersten Moment dachte ich, oh Gott sie kann gar nicht ohne Hilfe aus der Wohnung raus, zum Glück war es nur der kaputte Fahrstuhl!
    Hmm, welche Märchenfigur ich wohl wäre, als Kind fühlte ich mich manchmal wie die Gretel, zusammen mit meinem Bruder Hänsel, und die böse Hexe war…lassen wir das lieber, sie ist inzwischen verstorben. Und später dann: Frau Holle, weil ich sehr lange sehr dick war. Und jetzt: Hans im Glück.

    Gefällt 2 Personen

    1. 😊

      Tatsächlich war das bis vor 4 Jahren Realität. Ich bin in einer Wohnung im zweiten Stock ohne Lift aufgewachsen…

      Wow, eine sehr wandelbare Märchenfigur – hoffentlich mit einem happy ending.

      Gefällt 1 Person

  3. Eigenartig… ich hatte bei mir ebenfalls an Gretel gedacht..
    Ich hab „meine“ Hexe – äh Oma – auch in den Ofen gestoßen und meine Eltern waren auch nicht grad der Hit.
    Gut, der Bruder hat mich dafür dann abgeschossen…. Wie kann man nur eine so liebe Oma nicht wollen?!
    Aber gut.. das ist eine andere Geschichte.

    Aber wenn ich so denke, wieviele Märchen man ohnehin nicht kennt…
    Meine Mama hatte eine ganze Buchreihe „Märchen aus aller Welt“.
    Spannend.

    Ich drück dir die Daumen, dass der Aufzug nicht allzuoft ausfällt.

    Gefällt 2 Personen

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