Die unscheinbare Zeugin

Wie oft bekommt man Gesprächsfetzen völlig fremder Personen mit? Sei es im Bus, auf der Straße, in Warteräumen – für den Bruchteil weniger Sekunden wird man unverhofft Teil deren Lebens. Man bangt mit, ob Gerti eh brav ihre blutdrucksenkenden Medikamente genommen hat, ob der kleine Paul nicht doch noch den Wohnungsschlüssel in seiner Schultasche findet und ob Matthias bei seiner Angebeteten nun endlich zum Zug gekommen ist. Selten reicht der gemeinsame Aufenthalt aus um den Ausgang der Geschichten zu erfahren, was ich zumeist als sehr angenehm erachte. Denn so spannend diese Auszüge auch sein mögen, so seltsam kann die Situation werden, wenn man als aufmerksamer Zuhörer entlarvt wird. Schließlich geht uns die Privatsphäre anderer schlichtweg nichts an. Würde man meinen. Umso erstaunlicher finde ich es, dass es Menschen gibt, die ungeniert – wissend ich sitze daneben – einfach intimste Dinge von sich preisgeben, da sie aufgrund meiner Sprechbehinderung offensichtlich davon ausgehen, dass mein Gehör oder gar der Verstand wohl auch beschädigt sein müssen. Um diesen Mythos ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen: eine Sprachstörung inkludiert nicht zwingend eine weitere Sinnesbeeinträchtigung – tut mir leid.

Ich könnte unter diesem Titel vermutlich eine ganze Blogserie starten. Vorerst werde ich mich aber auf eine Geschichte beschränken. Wenn man so möchte, ist das meine Top 1 Story der „Die unscheinbare Zeugin“ – Reihe.

Alles begann bei einem Reha-Aufenthalt, der wohl eher einer Fließband-Abfertigung glich… Während ich auf meinen Physiotherapeuten wartete, wurde am vorigen Patient teilweise noch gearbeitet, bis er dann umgesetzt und zum Heimfahren fertig gemacht wurde. „Er“, ein etwa 35-jähriger Wachkoma-Patient, wo bereits sein Körperbau und die diversen Tattoos auf seiner Haut verraten, dass sein Leben mal etwas anders ausgesehen haben muss. Und dann wäre da noch „sie“, seine Mutter, die das Schicksal des Sohnes zu ihrer Lebensaufgabe gemacht und die ihm keine Sekunde aus den Augen gelassen hat. Ich denke ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich niemandem so eine 180 Grad Wendung im Leben wünsche, weder seine noch ihre. Dennoch war mir ihre Art und Weise, wie „sie“ mit ihm umgegangen ist, mehr als suspekt. Als ob „sie“ davon ausgehen würde, dass ihn sein Unfall wieder ins Kleinkind-Alter versetzt hätte und sie es deshalb für richtig hält, auf eine möglichst leichte „verbale Kost“ zurückzugreifen. Mag auch sein, ich habe absolut keine Ahnung ob und wie viel Wachkoma-Patienten von ihrer Umgebung mitbekommen. Ich würde mir nur wünschen, dass man mich genauso behandeln würde wie zuvor – in diesem Fall wie einen 35 Jahre alten Mann. Selbst wenn ich nichts von der Außenwelt wahrnehmen würde, wäre dies das mindeste Maß an Respekt, das man mir und meinem Körper schenken könnte.

Ich möchte mir gewiss kein Urteil über ihre Fürsorglichkeit erlauben, zumal ich es großartig finde, wie sehr „sie“ sich für sein Wohl und seine Genesung einsetzt. Trotzdem gab es eben diese eine Situation, die für mich zu viel „der gutgemeinten Pflege“ war. Ich wartete immer noch auf meinen Therapeuten und saß frontal der Liege zugerichtet, wo „er“ noch lag. Plötzlich fasste „sie“ ihm in seine Hose und verkündigte lautstark: „Oh, da hat wohl jemand Pipi gemacht. Wird Zeit für eine neue Windi, mein Schatzi.“ Ich war so naiv zu glauben, dass dieser vermeintliche Übergriff gepaart mit der widersprüchlichen Euphorie, über einen urinierenden Mann, bereits genug der Bloßstellung für einen Tag war und sie den Rest bestenfalls auf dem Klo oder Zuhause erledigen würden – doch „sie“ belehrte mich eines Besseren. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, zog „sie“ ihn schon aus und entledigte ihn seiner Windel. Ich muss es noch einmal wiederholen, „er“ ist geschätzte 35 Jahre alt! Bedauerlicherweise scheint „sie“ das längst vergessen zu haben. Wie gerne hätte ich ihm wenigstens eine Decke hingehalten, um zumindest noch einen Rest seiner Würde zu bewahren, oder mich sonst irgendwie bemerkbar gemacht – doch „sie“ ignorierte mich komplett. Es gab nur „sie“ und „ihr Schatzi“. Als sie mit dem Wickeln fertig waren, tätschelte „sie“ noch sein Genital, so nach dem Motto: „Jetzt ist er wieder sauber“, und ich spürte wie mir ein kalter Schauer über den Rücken runter lief. Da stellt sich mir die Frage: Was fällt dabei noch unter den Begriff Pflege und wo hört der „Spaß“ auf?

3 Kommentare zu „Die unscheinbare Zeugin

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  1. Die Würde des Menschen ist so sehr antastbar. Dein hier widergegebenes Beispiel ist leider nur eines, wenn auch ein besonders illustrierendes. –
    An den Umgangsformen so vieler Menschen mit- und untereinander verzweifle ich manchmal schier. Waren die schon immer so? Bin ich zu „empfindlich“ für diese Welt und die immer wieder erlebte Gestaltung von Beziehungen und Umgang zwischen Menschen geworden?
    Deine Sensibilität dafür gefällt mir sehr!!!
    Viele freundliche und liebe Grüße an Dich!

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    1. Vielen Dank für deine Zeilen! Um direkt deine Frage aufzugreifen: ja, ich denke es war immer schon so. Die Kommunikation der Sensibilität dürfte sich dahingehend nur sehr verändert haben, und Dinge zu hinterfragen wird nun nicht mehr mit irgendwelchen Konsequenzen gekoppelt. Menschen trauen sich mehr ihre Meinung zu sagen und trotzdem schauen so viele in gewissen Situationen einfach weg. Vielleicht aus Angst, Selbstschutz, Bequemlichkeit,… Man weiß es nicht.
      Lieben Gruß zurück!

      Liken

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