Wehmut tut selten gut

Foto zeigt einen Cocktail

Wollen wir nicht alle irgendwann einmal berühmt sein? Anerkennung für das zu bekommen, was man gerne tut und dabei am besten noch erfolgreich sein, ist doch der Traum von vielen Menschen, oder? Zumindest in Maßen. Denn sobald die Privatsphäre unter dem Erfolg leidet und man nicht mehr unbeschwert außer Haus gehen kann, weil man an jeder Ecke angesprochen wird, drohen viele an dem Druck zu zerbrechen. Ich frag‘ mich manchmal, ob ein Bruce Springsteen einfach in eine Bar gehen und sich in Ruhe einen Drink gönnen kann, oder ob er jedes Mal einer Herde wildgewordener Frauen begegnet, die in Tränen ausbrechen, nur weil er vor ihnen steht. Ok, zugegeben, man muss nicht berühmt sein, dass einem sowas widerfährt. Man muss nicht einmal sonderlich viel dazu beitragen um völlig fremde Personen plötzlich zum Weinen zu bringen. Mir ist erst unlängst so eine ähnliche Geschichte passiert, und ich bin, soweit ich weiß, weder berühmt noch wohlhabend. Ich bin einfach behindert, und dazu hab‘ ich garantiert nichts beigetragen.

Bevor die einen jetzt in irgendwelchen Mitleidsgedanken versinken und die anderen in einem Gelächter ausbrechen, weil sie die Ironie dahinter verstanden haben – erzähle ich besser mal die Geschichte: ich war auf einer Party eingeladen und nippte gerade genüsslich an meinem Getränk als ich merkte, wie mich ein Typ völlig entgeistert anstarrte. Ich riskierte einen kurzen Blick zu ihm hinüber, musste aber feststellen, dass er es nur auf meinen Rollstuhl abgesehen hat und habe mich somit wieder ganz meinem Glas zugewandt. Plötzlich stand er auf, kam auf mich zu und fragte betroffen: „Was hat sie denn?“ Um ehrlich zu sein hätte ich schon froh sein müssen, dass er mir zumindest das richtige Geschlecht zugesprochen hat – das ist nämlich auch nicht selbstverständlich – trotzdem finde ich es immer wieder aufs Neue merkwürdig, dass viele eine 3. Person brauchen um Sachen über mich zu erfragen. Während mein Begleiter ihm also die typische „Es war einmal eine misslungene Geburt“-Anekdote erzählt hat, ging ich in Gedanken sicherheitshalber wieder mal meine Checkliste durch: „Ohren? Ja, eindeutig an ihrem Platz und funktionstüchtig. Augen? Passen auch. Mund…“ und wurde schließlich von dem, mittlerweile schluchzenden, Typen unterbrochen: „Das… Das ist… Da wird man wirklich wehmütig!“

Versteht mich nicht falsch, ich stehe wirklich gerne Rede und Antwort und bin froh, wenn dadurch ein paar Berührungsängste abgebaut werden können. Und wenn man zuerst eine 3. Person braucht um mit mir ins Gespräch kommen zu können, dann ist das eben so. Nur manchmal überfordern mich die Reaktionen der Leute. Manchmal möchte man einfach nur ein normaler Partygast sein, sich in einer Bar betrinken und nicht ständig auf das scheinbar Offensichtliche reduziert werden.

Ich glaube was mich an dieser Geschichte so irritiert hat, ist, dass sich der Typ mit seiner Aussage ein (sicherlich unbewusstes) Urteil über mein Leben erlaubt hat und das fand ich in dem Moment ziemlich befremdlich. Denn ich stehe in der Früh nun mal nicht auf, schaue in den Spiegel und seh‘ den Rollstuhl. Ich stehe auf und seh‘ mich… Genauso wie ich der Meinung bin, dass jeder Mensch sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Meins ist halt ziemlich auffällig, kommt auf Rollen daher und steht in einem engen Verhältnis zu meinem Allerwertesten.

In diesem Sinne: Prosit 2020! 😉

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