Irland

Irland war eine besondere Reise für mich. Nicht nur weil dieses Land unglaublich faszinierend ist, es war noch dazu das erste Mal, wo ich ohne Eltern verreist bin. Bereits der Check-in gestaltete sich äußerst actionreich. Da ich mit einem Rollstuhl mit Elektro-Antrieb unterwegs bin und wusste, dass die Batterie des Rollis ein gewisses Sicherheitsrisiko für Fluglinien darstellen könne, habe ich Monate im Vorfeld schon alle Unterlagen und Daten des E-Rollis der Airline geschickt und mir sogar ein Safetysheet anfertigen lassen, das belegt, dass die Batterie flugtauglich ist. Dementsprechend unerwartet kam dann der Satz der Mitarbeiterin beim Checkin-Schalter zwei Stunden vor Abflug: „Naja… Also… Ich weiß nicht, ob man den Rollstuhl mitnehmen kann…“ Von dieser Aussage irgendwie amüsiert, schweifte mein Blick zwischen meinem Rolli und dem Koffer hin und her, und ich begann mich plötzlich zu fragen: „Nun ja, Rollen hat er. Platz? Joah, könnt‘ sich ausgehen… Jedenfalls würde die Redensart ‚aus dem Koffer leben‘ eine ganz neue Bedeutung einnehmen… Mission accepted.“

Um eines direkt vorweg zu nehmen: soweit kam es letztendlich doch nicht, ich musste also nicht zehn tagelang in einem Koffer durch Irland geschoben werden – was ich ganz kurz durchaus sehr schade gefunden habe. Die Mitarbeiterin war sehr bemüht und hat in der Zwischenzeit alle möglichen Stellen angerufen, um sich persönlich zu vergewissern, dass bei dem Rollstuhl auch sicher keine Explosionsgefahr bestünde. Währenddessen durften wir sämtliche Formulare noch einmal ausfüllen – und so verging die Zeit. Zehn Minuten vor Abflug haben wir dann endlich das Okay erhalten und es folgte ein Sprint quer durch den Flughafen.
Eine Szene wie sie Hollywood nicht besser schreiben könnte: >>Ein Kampf gegen die Zeit. In den Hauptrollen eine Rollstuhlfahrerin, ihre vier Freunde und eine Dame vom Flugpersonal. Werden sie es schaffen? Oder wird ihnen der Rollstuhl am Ende doch noch zum Verhängnis? Der Flughafen ist menschenseelenleer, man hört nur das Klackern der Schuhe und das dröhnende Surren des Motors. Doch das Glück meint es gut mit ihnen: an jeder Kontrolle einfach vorbeigelassen, erwischen sie den Flieger noch in allerletzter Sekunde.<<

Verzeiht, ich neige manchmal zu ironischen Übertreibungen… Im Endeffekt hätten wir alles Mögliche hineinschmuggeln können, es wäre völlig egal gewesen.
Aber hey, Hauptsach‘ der Rolli war safe. 😉

Nun stand unserer Reise nichts mehr im Wege!

Wir machten eine kleine Rundreise durch Südirland. Zuerst sind wir ein paar Tage in Dublin geblieben und anschließend sind wir nach Cork weitergefahren und haben von dort aus Tagesausflüge gemacht. Leider blieb uns die Möglichkeit verwehrt, uns ein Auto zu mieten – da niemand von uns die Kombination eines Führerscheins, einer Kreditkarte und 7 Jahre Fahrpraxis besaß – aber dies schränkte uns in unserer Mobilität kaum ein. Zumal die öffentlichen Verkehrsmittel in Irland komplett rollstuhlfreundlich sind – da können sich viele andere europäische Länder wirklich eine Scheibe davon abschneiden. Ich schwärme heute noch von dem Reisebus, dessen Stufen sich wie bei einem Transformer-Film per Kopfdruck in eine Hebebühne für Rollstühle und Kinderwägen verwandelt hat. Bei uns kann man froh sein, wenn der Rolli im Gepäckraum noch Platz findet. Und auch so ist gerade Dublin sehr auf Barrierefreiheit bedacht. Man sollte allerdings keine Scheu vor Regen haben und jede Menge Ersatzkleidung miteinkalkulieren. Ich habe in meinem Leben, glaub‘ ich, noch nie so viel Wasser vom Himmel fallen gesehen wie in den zehn Tagen dort. Wer jetzt jedoch denkt, dass sich die Iren davon die Stimmung vermiesen lassen und sich bei Schlechtwetter nur zuhause verkriechen, der irrt. Nicht nur einmal sind wir bei strömendem Regen in ein rappelvolles Pub geflüchtet, wo bei bester Laune getanzt, gejammt und getrunken wurde.

Foto: Dublin bei Nacht.
„Die Kammer des Schreckens“ –
Diese Nacht wird wohl ewig in Erinnerung bleiben

Wir haben uns schon vor Antritt der Reise um Unterkünfte gekümmert und diese auch gleich online gebucht. Ich war für die Buchung eines Hostels in Cork verantwortlich, und was auch immer mich da damals geritten hat, habe ich bei der Reservierung in Kauf genommen, dass diese Herberge eigentlich überhaupt nicht barrierefrei war. Ich wusste also, dass beim Eingang Stiegen sind und dass man mir den sogenannten „Kinoraum“ im Erdgeschoß ab 23:00 Uhr zum Schlafen überlassen würde, da sich die eigentlichen Schlafräume alle im Stock befanden. „Die drei Stufen werden wir schon schaffen“, dacht‘ ich noch, und da ich sowieso kein Fan von Schlafsälen bin, kam mir die Möglichkeit eines separaten Zimmers gerade recht. Doch bereits auf dem Weg zum Hostel kamen erste Ungereimtheiten auf. Denn die Straße zu der Herberge war so steil, dass mein Rollstuhl – als wir oben angekommen sind – fast keinen Akku mehr hatte. Ich hätte mich also immer zwischen einem Tagesausflug und dafür unter einer Brücke schlafen, oder das Hostel nicht verlassen und dafür ein Dach über dem Kopf haben, entscheiden müssen – was ich beides als eher suboptimal empfand. Aber gut, nun standen wir endlich vor unserer Unterkunft und sahen auch die drei besagten Stufen beim Eingang. Allerdings kam überraschenderweise noch hinzu, dass man erst über eine Böschung mit nochmals fünf Stiegen hinaufgehen musste um überhaupt zum Eingang zu gelangen. Uns wurde also schnell bewusst, dass diese Bleibe doch keine längerfristige Option war und haben uns direkt um eine andere Schlafmöglichkeit umgesehen. Zum Glück haben wir auch relativ schnell eine sehr nette Bed & Breakfast Pension gefunden. Da es jedoch schon sehr spät war und es wieder einmal geschüttet hat, haben wir beschlossen, die Nacht einfach in dem Hostel zu verbringen und erst am nächsten Tag unser neues Domizil aufzusuchen. Gesagt, getan. Es war mittlerweile kurz vor 23:00 Uhr, ich machte mich langsam bettfertig und hoffte, dass der Kinoraum bald frei wird, damit ich mich schlafen legen kann. Schließlich war es soweit und man führte mich in das letzte Eck des endlos langen Hausflurs. „Hören wird mich hier niemand, wie beruhigend…“ dachte ich, während man mir die Tür öffnete. Ich hatte ziemliche Schwierigkeiten hineinzukommen, da ich nach der Tür direkt eine präzise 90 Grad Drehung hinlegen musste, weil ich sonst geradewegs in die Wand des komischen Vorraums gerast wäre. Nachdem ich das dann geschafft habe, trennte mich nur noch ein langer, schwarzer Vorhang bis ich schließlich das ganze Ausmaß meiner Schlafkammer erblicken konnte. Ich weiß ja nicht, wie ein Bordell im letzten Jahrhundert ausgesehen hat, aber ich vermute, dass der Kinoraum dem durchaus sehr nahe kam. Von Gemütlichkeit kaum zu übertreffen, lag in der Mitte des Raumes eine lieblos platzierte Matratze, deren Alter ich nicht zu hinterfragen wagte. Die Ecken des „Kinosaals“ waren mit sichtlich abgenutzten Sitzsäcken verziert. Da es weder Fenster noch andere Lüftungsmöglichkeiten gab, roch es dementsprechend streng. Das Licht passte zum Laufhausflair und hielt sich schummrig und bedeckt. „Perfect!“ gab ich zu verstehen als mich der Besitzer fragte, ob denn alles passen würde. Auch meine Assistenten waren spürbar besorgt um mich und meinten, ob sie mich nicht doch lieber in einen der Schlafsäle hinauftragen sollen. Das verneinte ich vehement und bat sie lediglich, einen Blick hinter die leicht geöffnete Tür inmitten des Raumes zu werfen, sodass ich sichergehen konnte, dass dort eh keine Ratteninvasion auf mich lauerte. Nun lag ich da, hatte mein Handy griffbereit neben mir liegen und den Blick stets in Richtung Vorhang gerichtet. Ich weiß bis heute nicht wie ich in dieser Gruft überhaupt ein Auge zumachen konnte, dennoch war es eine Nacht, die ich wohl nie vergessen werde.

Cliffs of Moher –
Mein Highlight der Reise

Nach den Städtetouren konnte ich es kaum erwarten, noch ein bisschen etwas von der irischen Natur zu erleben. Eine gute Busstunde von unserer Unterkunft entfernt, fuhren wir also – am vorletzten Tag – zu den beliebtesten Steilklippen Irlands. Schon die Fahrt dorthin war ein wahrer Augenschmaus. Ich hatte bis dato noch nie malerischere Landschaften und saftigere Wiesen gesehen. Oben angekommen ging das Spektakel weiter: die Cliffs of Moher ragen nahezu senkrecht aus dem Meer heraus und bieten einen kilometerlangen Wanderweg, der sich bei einer riesigen Aussichtsplattform in zwei Richtungen gabelt. Leider sind diese Wege nicht barrierefrei und als RollstuhlfahrerIn nimmt die Erkundungstour spätestens bei der Plattform ein Ende. Nichts desto trotz oder vielleicht gerade deshalb war es für mich ein besonderes Vergnügen, ein Stück des Weges – von meinen Assistenten gestützt – einfach gehend zu beschreiten. Ich find’s ja schon großartig, wenn ich ab und zu mal die ein oder andere Grenze sprengen kann, aber wenn man dann noch dazu so eine phänomenale Aussicht hat, wird es zu einem absoluten Glücksmoment.

Foto: Cliffs of Moher. Man sieht meine Arme auf einer Mauer aufstützend und im Hintergrund die bekanntesten Steilklippen Irlands.

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